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  EM Auronzo 2004
 
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Dies sind meine persönlichen Eindrücke, Gedanken und Empfindungen zur EM in Auronzo.
Ich würde mir wünschen, dass auch andere Sportler mir folgen und einen kleinen Bericht einsenden, denn es tut mir leid nicht mit allen in so engen Kontakt zu sein um ihre Erwartungen, Erfolg oder Misserfolg einzuschätzen und zu beurteilen. (er muss ja nicht so lange wie meiner sein)
Ich denke ein paar ehrliche Worte über sich selbst, bringt einem Menschlich dem anderen ein Stück näher, - und näher zusammen zu rücken täte uns allen sicherlich gut.
 
In diesem Sinne weiterhin alles Gute und viel Glück für eure Ziele.


                          
Nach sechseinhalb Stunden Fahrt endlich Angekommen
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Auronzo di Cadore.
 
Ich kannte die Gegend von unzähligen Radtouren und hatte mich auch eine Zeit lang mit der Geschichte im ersten Weltkrieg und den Besonderheiten in der Alpinen Kriegsführung beschäftigt, da die Geschichten meines Großvaters, der hier als Gebirgsjäger gekämpft hatte, sich um viele dieser Gipfeln rankten.
 
Das ist aber schon lange her und wenn ich darüber nachdenke kommt es mir vor als wäre es aus einem anderen Leben.
Es ist auch ein anderes Leben das ich seit knapp zwei Jahren führe und die Teilnahme an dieser EM ist der momentane Höhepunkt auf den ich mich nun ein Jahr lang vorbereitet habe.
Dadurch ist die
 
 
 
 
 
 
Erwartungshaltung keine kleine.
 
Die Vorbereitungen über den Sommer, auch in Zusammenarbeit mit einem Sportmediziner, sind optimal verlaufen. Die Umstellung von meinen extremen Ausdauerwerten, bedingt durch meine früheren Aktivitäten, auf Kurzzeitbelastung und der daraus erforderlichen kurzen Regenerationsmöglichkeiten, sind zur Überraschung der Medizin und mir besser vorangeschritten als erwartet.
 
Auch die Platzierungen, angefangen von den Wagenrennen über die Staatsmeisterschaft und allen anderen Schneerennen, waren viel versprechend.
Die Konkurrenz aus dem Ausland war zwar bei den Rennen leider nicht anwesend, daher hatte ich keine Vergleichswerte, aber die Gegner und deren Maßstäbe kannte ich ja von der WM in Werfenweng und seit dem habe ich sicherlich, besonders in der Technik viel dazugelernt.
Also warum Tiefstapeln. Die erklärten Ziele sind. Rückstand auf den ersten unter 10 Minuten und das sollte für einen fünften Platz reichen. Mit viel Glück ist vielleicht auch noch mehr drinnen.
 
Nach der Eröffnungsfeier endlich die lang ersehnte Starterliste. Wer also werden meine Gegner sein? Der erste Schock ging mir durch alle Glieder. In der Kategorie Skijöring sind 13 Starter gemeldet und ich muss als letzter Hinaus. Ich war bis zu diesem Zeitpunkt nie abergläubisch, aber an einem Freitag den 13. mit Startnummer 13 in ein Rennen zu gehen macht wahrscheinlich den größten Atheisten unsicher.
 
Freitag 13. 2. 9 Uhr 41. Ich rücke vor bis zur Startlinie. Jetzt ist es also gleich so weit. Jetzt wird sich zeigen wofür die vielen Trainingstunden, all die Entbehrungen, angefangen von den nicht gegessenen Schokoladen, den verschmähten Schweinsbraten und das Mineralwasser statt dem guten Roten zum Abendessen, wert waren.
Mir ist flau im Magen, wahrscheinlich von den Grippeblockern und dem ganzen Zeug, dass ich seit zwei Wochen eingeworfen habe um meine Verkühlung zu überwinden, aber ich bin mir sicher, dass dies in wenigen Sekunden vorbei ist, wenn wir erst Mal auf dem Trail sind.
Auch meine Hündin ist überraschen ruhig und verhält sich ungewöhnlich. Ich schreibe das in diesem Augenblick Gerald zu der mir heuer schon öfters beim Start geholfen hat und nun haben die Beiden anscheinen ein Abkommen getroffen mit dem sie beide weniger Stress haben.
 
 
 
 
 
 
3-2-1- Go, und mich reißt es fast aus den Schuhen. Es ist schon zur Gewohnheit geworden, dass ich mich auf den ersten Metern nur irgendwie auf den Skiern halten muss um dann erst mit den Schritten und Stockeinsatz auf Geschwindigkeit zu kommen.
Ich bin froh, dass ich am Vortag mit Tom die Strecke schon abgefahren bin, denn nach hundert Metern, die kurze, aber steile Abfahrt, schreckt mich auch heute noch und heute bin ich wesentlich schneller, aber das Wissen darüber beruhigt und wir passieren diese Stelle ohne Probleme.
 
Startnummer 12 war nicht am Start so befindet sich also Tom direkt vor mir und nach zirka drei Kilometern lauf ich zu ihm auf. Diese Situation hatten wir heuer schon öfters und dadurch gibt es auch keine Probleme und ich bin Dankbar, dass er mir das Überholen noch wesentlich erleichtert indem er seine Hündin zur Seite nimmt. Nur wenige Meter vor ihm sehe ich schon den Franzosen, der aber urplötzlich wieder unheimlich an Tempo aufnimmt und nach dem er vor mir den höchsten Punkt erreicht, kurzfristig sogar aus meinem Blickfeld entwischt.
 
Ich bin überrascht wie schnell ich diesen Punkt erreicht habe, denn gestern, natürlich ohne Hund, waren wir ganz schön lange bis hierher unterwegs.
Nun die Abfahrt durch den Wald gut überstehen und dann wieder volles Tempo um weiter aufzuholen.
Nach zirka sechs Kilometer ist eine Schleife bei der man die nächsten 25 – 30 Fahrsekunden einsehen kann, dort sehe ich den Franzosen der seinerseits schon auf den Italiener aufgelaufen ist. Bei der nächsten Abfahrt habe ich sie beide vor mir. Ich schreie mehrmals „Trail“ aber sie bemerken mich nicht. Erst als ich wenige Meter hinter dem Franzosen bin, hört er mein verzweifeltes schreien, schreckt sich dabei so, dass er stürzt und sein Hund quer über den Trail steht.
 
Nur eine Notbremsung verhindert, dass ich ihm nicht in die Zugleine fahre. Er zieht seinen Hund zurück und die Strecke ist wieder frei. Der Italiener hat den Vorfall bemerkt, ist stehen geblieben und so komme ich ohne weitere Probleme an ihm vorbei. Er versucht noch einige Zeit dran zu bleiben, schlussendlich gibt er auf und reißt ab.
Es geht nun großteils bergab, aber nicht so, dass man einfach nur Abfahren könnte, nein es ist permanentes Arbeiten angesagt. Dabei ist es nicht ungefährlich. Der Trail ist im Wald nicht besonders breit, stellenweise sehr tief und durch den Skidoo ist großteils eine eisige Spur in ihn gefräst, in der ich mehrmals hängen bleibe.
 
 
 
 
 
 
Cheyenne leitet mich sicher durch den Wald, ich weiß, dass ihr dieser Teil besonders Spaß macht, denn eine unserer Trainingstrecken die wir mit dem Roller befahren führt auch durchs Unterholz, noch näher zu den Bäumen als hier
und sowohl dort als auch in diesen Passagen muss ich all meine Steuerkünste aufbringen um mich nicht um einen Baum zu wickeln.
 
Nach zirka 11 Kilometer, dann die Abzweigung. Nun geht’s nochmals richtig zur Sache. Die kommenden Anstiege sind wesentlich Steiler als die am Anfang und leider gehen Cheyenne die Körner aus. Sie ist seit zwei Wochen läufig und in diesem Zustand frisst sie leider nur ungenügend.
Dass ich im Anstieg aufpassen muss nicht über die Zugleine zu fahren ist mir noch nie geschehen. Ich versuche also mein Möglichstes und bemerke, dass mein flauer Magen sich immer mehr Richtung Kehle verlagert. Mittlerweile hab ich auch einen gewissen Tunellblick und nehme nichts mehr war, außer was ich auf den nächsten drei Metern sehe.
Ich überlege mir schon was es an Zeit kosten würde wenn ich mich am Rand stelle und Kotze, aber der Gedanke daran, dass ich dann vielleicht überhaupt nicht mehr weiterkomme lässt mich kräftig schlucken und mich weiterzählen. Schritt, Stock, Schritt Stock usw….
 
Plötzlich höre ich von hinten „Trail“ und traue meinen Ohren nicht. Wer kann da noch kommen? Ich bleibe stehen und nutze die kurze Pause für einige tiefe Atemzüge, da rauscht auch schon Ivan Sedilek mit seiner Pulka an mir vorbei.
Natürlich heißt es da sofort anhängen. Er fährt wie eine Lokomotive und zu meiner Überraschung können wir das Tempo plötzlich wieder mitgehen. Gemeinsam überholen wir Birgit, die als einzige Dame bei uns Männer starten muss. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich gedacht, dass ich recht gut unterwegs bin, aber Ivan ist vier Minuten hinter mir gestartet, da muss ich auf unsere spitzen Läufer auch schon einiges eingebüßt haben.
 
Gemeinsam laufen wir dem Ziel entgegen und dort war die Endtäuschung doch recht groß. Auf Platz fünf ziemlich genau zwei Minuten, auf Rang sechs eins fünfundvierzig Rückstand.  
 
Das Motto für den nächsten Tag kann natürlich nur voller Angriff heißen. Dazwischen liegt aber eine unruhige Nacht. Ich kann kaum schlafen. Fahre den Trail Hundert oder Tausend mal. Sehe Schreckenszenarien, dass ich stürze gegen einen Baum krache, dass dieses Missgeschick einen vor mir gestarteten trifft. Was mache ich? Bleib ich stehen?
 
 
 
 
Ich möchte einfach nicht in die Situation kommen. Ruf mir immer wieder in Erinnerung, dass mir Konzentrationsmangel bei der Staatsmeisterschaft fast einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte, als ich am zweiten Tag, kurz vor dem Ziel mit meinen Gedanken total abwesend war, gestürzt bin und mir den Skistecken in die Rippen gerammt habe. Die Schmerzen verspüre ich noch heute.
Das Frühstück, sicherlich auch weil es ein italienisches ist, schmeckt mir heute ganz und gar nicht. Ich bekomm einfach nichts hinunter.
 
9 Uhr 36 Start. Nach drei Kilometern merke ich schon, dass Cheyenne nicht die gleiche Spritzigkeit besitzt wie sonst. Schon am ersten Anstieg hängt die Leine durch. Bis zur Schleife hab ich mir vorgenommen muss ich einen der vor mir gestarteten sehen, dann ist noch was möglich.
Voller Erwartung komme ich aus dem Wald – nichts zu sehen. Ich habe also nicht einmal eine halbe Minute aufholen können. Nach hinten bin ich Zeitmäßig gut abgesichert. Das ist der Moment in dem dieser Bewerb für mich gelaufen ist. Das Kommando „EASY“ ist für uns beide eine Erleichterung. Ich versuche den Trail ohne Fehler zu beenden und uns gesund in Ziel zu bringen. Im Ziel möchte ich die Zeit gar nicht wissen. Der Blick in die Augen meiner Frau bestätigt nur das was ich schon als gegeben hingenommen habe. Wieder Zeit verloren, aber das ist nicht mehr wichtig.
 
Dafür konnte ich diese Nacht besser schlafen und am dritten Tag den Trail wirklich genießen und das ganz bewusst. Auch wenn ich mein Ziel nicht erreichen konnte, wollte ich mir es nicht nehmen lassen, den Usus den ich Werfenweng begonnen habe, am letzten Tag mit der Fahne ins Ziel zu fahren.
 
Leider nahmen die wenigen Zuschauer kaum Notiz davon, dafür war der Empfang der kleinen Österreich Delegation im Zielraum umso herzlicher.
Es freut mich besonders, dass wir bei uns Skijörern ein gutes Verhältnis untereinander haben uns so war es für mich selbstverständlich auf alle anderen zu warten und sie zu ihren Leistungen zu beglückwünschen.


Irgendwie war es ein schönes Gefühl. Alles war noch so frisch und aufregend. Anderen Freunden stand der Start noch bevor, mit zittern, Daumen halten war noch angesagt.
 
Der dicke Hammer kam erst auf der Heimreise. Stundenlange Autofahrt, Frau und Kind schlafen, zum ersten Mal alleine mit meinen Gedanken. Was ist geblieben von dem hochgesteckten Ziel, was wurde erreicht? Ich kann es drehen und wenden wie ich will.
Nichts!
War es bodenlose Selbstüberschätzung oder war ich nur zu verwöhnt von den zum Teil unerwarteten Erfolgen in den letzten Monaten?
Meine Verkühlung, die Läufigkeit, Startposition, von jedem ein bisschen? Anderen ist es noch schlechter ergangen als mir, aber das Scheitern Anderer kann doch kein Trost für mich sein.
 
Heute sehe ich es als Fingerzeig, das die Zeit in der mir die Erfolge mehr oder weniger in den Schoss gefallen sind, vorbei ist und ich noch härter Arbeiten muss.
  
 
Auch wenn ich auf alle Fragen noch keine Antwort gefunden habe, dieser Bericht eine Art Vergangenheitsbewältigung für mich ist, so richte ich mich zurzeit an einem Sprichwort auf.
 
„Die wirklich guten Dinge kann man nicht erzwingen, man muss sie erwarten“.
 
 
Klaus Bäumel
 
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