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  EM Mitteldistanz Oravska Lesna 2010
 
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EM MITTELDISTANZ 2010
ORAVSKA LESNA
 
Von Donovaly aus, ging die Reise weiter nach Oravska Lesna. Knapp 100 Kilometer aber wir waren trotzdem über zwei Stunden unterwegs, denn die Navi-Geräte spielten verrückt und auf den Plänen gab es Straßen, vor denen wir, wegen ihrer schwierigen Passierbarkeit, gewarnt wurden.
 
Abenteuerliche Anreise, abenteuerliche Gegend, abenteuerliches Stake-Out. Vor Ort sagte mir jemand, dass wir angekommen seien, auf meine Frage „Wo?“, bekam ich zur Antwort „am Arsch der Welt“.
 
Der Erste Eindruck wollte dies auch wirklich vermitteln. Das Stake-Out lag mitten im Wald, das Start- und Zielgelände zirka einen Kilometer davon entfernt. Bedingungen die für ein Sprintrennen unvorstellbar sind, aber wir waren ja auf einer MD und LT Veranstaltung, da ticken die Uhren eben etwas Anders.


Der Zweite Eindruck, - auch wenn wir am Arsch der Welt sein sollten war, dass wir es hier mit hilfsbereite und freundliche Menschen zu tun hatten, die uns alle Wünsche von den Augen ablasen.
Was an Komfort fehlte wurde mit viel Liebe improvisiert. In einem alten Militärzelt wurde Wasser aufbereitet und erwärmt, davor stand eine Gulaschkanone, die wahrscheinlich noch aus alten Kriegsbeständen stammte.
 


Mit dem Pistenbully wurde ein Weg vom Stake-Out zum Start gespurt und für diejenigen die mit dem Auto zum Start fuhren, gab es extra Parkplätze.
Und das Beste – für vier Euro zehn, gab es eine Riesenpizza mit einem Getränk.
Man erzählte uns, dass es in der Nacht vor unserer Anreise 17 Grad minus hatte. Kaum vorstellbar, denn mittlerweile haben sie die Grade in den plus Bereich begeben.
Am Abend vor dem Start war klar, dass es, nicht nur sprichwörtlich, ein heißes Rennen geben würde.
 
Bei der Delegiertensitzung hörten wir, dass es ein schwieriger Kurs sein wird und für die B und Pulka Kategorie standen 33 Kilometer am Programm.
Ich rechnete mit einem 15er Schnitt. Sollten doch weitere Schwierigkeiten auftreten, könnte ich trotzdem nach rund zwei ein halb Stunden wieder im Ziel sein.
 
Kurz vor dem Start traf ich noch Roman Reistetter. Wir plauderten über die Bedingungen und seine Einschätzung lag bei drei Stunden. Ich musste Lachen und unterstellte ihm, dass er Mal wieder übertreiben würde. Ich rechnete ihm vor, dass wir dann ja nur mit
11 Km/h Schnitt unterwegs sein würden, worauf er mir Recht gab und wir verabredeten uns nach dem Rennen auf ein Getränk.
Lange Rede, kurzer Sinn. Bis wir auch nur den Gedanken an dieses Getränk fassen konnten, waren wir über vier Stunden unterwegs, ich fast fünf.
Als erster startete Roman dann Nathalie, ich und dann Lutz. Alle im drei Minuten Abstand.
Gleich vom Start weg, ging es steil die Skipiste hoch und danach begann ein nervendes Auf und Ab. Jeder Hügel wurde mehrmals befahre. In unzähligen Schleifen ging rauf und runter.



Der Trail war durch die hohen Temperaturen gebrochen und es war ein einziger Kampf sich auf den Skiern zu halten. Gerade eine Skidoo-Spur war etwas fester. Die Hunde hatten das recht bald herausgefunden, nur zum Skaten war diese viel zu schmal.
 
In den Abfahrten war der Schnee so weich, dass wenn ich versuchte im Pflug zu bremsen, die Skier sich in den feuchten Schnee zogen und ich dann in irgendeine Richtung einen Abgang machte. Nach rund einer viertel Stunde hatte ich schon die Übersicht an den gezählten Stürzen verloren.
Die Hunde brachen zum Teil so tief ein, dass sich das Pulkagestänge in den Schnee bohrte.
 
Nach einigen Kilometer holte ich Nathalie ein, die auch ihre liebe Not hatte. Nicht nur, dass es ihr so ähnlich wie mir erging, wollten ihre Hunde schon nicht mehr auf dem Trail bleiben.
 
Wenn ich an ihr vorbei fuhr, wartete ich auf sie, denn den einzigen Ansporn den die Hunde anscheinend hatten war, dass sie den Meinen nachlaufen.
So wechselten wir uns ab, meist überholte sie mich, wenn ich wieder Mal im Schnee lag, ich sie, wenn ihre Hunde wieder streikten.
 
Kurz vor der Abzweigung A – B überholte uns ein großes Gespann, worauf ihre Hunde unbedingt auch nach rechts wollten. Choice lenkte uns auf den richtigen Weg und dann dauerte es einige Minuten, bis wir ihr Gespann auch wieder auf den richtigen Weg hatten.
 
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon abgeschlossen, denn für mich war klar, dass ich mir diese Umstände kein zweites Mal antun würde.
 
Ich wollte nur noch diesen Trail fertig fahren. Hätte ich aber gewusst was noch alles auf mich zukommt und ich noch fast vier Stunden unterwegs sein würde, hätte ich schon dort abgeschnallt und währe irgendwie nach Hause gegangen.
 
Bald darauf fiel ich so unglücklich in den nassen, tiefen Schnee, dass ich mit meinen überkreuzten Beinen, wie fest betoniert zu liegen kam.
Ich konnte zwar eine Bindung mit der Hand freischaufeln und lösen, aber zur Anderen hatte ich keine Möglichkeit zu gelangen. Zum Glück kam Nathalie rechtzeitig zum Stehen und konnte meinen Fuß erreichen. Ich war zwar dann von den Skiern getrennt, diese aber steckten so tief im Schnee, dass ich nach ihnen graben musste.
Dies alleine wäre ja nicht so schlimm gewesen aber immer wenn ich gerade nach einem der Skier greifen wollte, zogen die Hunde ein Stück weiter und ich lag wieder im Schnee. Im liegen robbte ich mich wieder in ihre Nähe und irgendwie gelang es mir dann sie zu erreichen. Nachdem mehrer Versuche die Skier im stehen anzuziehen gescheitert waren, da die Hunde ja unbedingt weiter wollten, gelang es mir, sie im sitzen anzuschnallen. Ein Kunststück, welches mir noch nie geglückt ist.
 
Kaum stand ich wieder auf den Beinen, ging es natürlich in rasender Geschwindigkeit weiter, denn die Hunde hatten sich ja erholt, ich dagegen war fix und fertig und dadurch war es ein Leichtes, das sich die Skier, die kraftlos an meinen Füßen hingen, sich gleich wieder
 irgendwo vergruben.
 
Langsam stellte ich mir die Frage, wann ich mir wieder ernsthaft die Schulter verletzen würde oder wie lange es dauert, dass ich einen Stecken oder gar einen Ski abbrechen würde.
 
Irgendwann holte uns Lutz ein und wir fuhren eine Zeit lang zu dritt. Immer mehr Gespanne überholten uns und daher wurde der Trail schlechter und schlechter, eigentlich mit Langlaufskiern – unbefahrbar.
 
Unsere Gemeinschaft löste sich auf und jeder kämpfte sich auf seine Art weiter. Nachdem es vollkommen egal war, höchstens eine Frage von Sekunden, wann ich wieder im Schnee liegen würde, begann ich bei den Abfahrten mich gleich hinzulegen.
Das hatte zumindest den Vorteil, dass ich meine Niedergänge etwas kontrollieren konnte. Die Probleme hatten sich aber nur zeitlich verschoben. War meine Rutschpartie zu Ende, entweder weil der Hang zu flach oder der Schnee unter meinen Körper zuviel wurde als dass mich die Hunde weiterziehen hätten können, daher stehen blieben, ich danach versuchte wieder aufzustehen, war dies für sie ein unmissverständliches Zeichen zum Weiterlaufen. 
Natürlich ohne Rücksicht darauf ob meine Ski wieder in Laufrichtung standen oder nicht. Die Folge war meist, ein wieder unkontrollierter Köpfler.
 
Bergauf ging mittlerweile auch nichts mehr außer stapfen und Doppelstockeinsatz. Ich überholte Lutz, da er sein Team nach einer Beißerei kurzzeitig verloren hatte, kam zum dritten Mal am selben Streckenposten vorbei, sah dass auf der Visavisseite eine Schleife wieder herauf führt und ich ihn daher nochmals einen Besuch abstatten würde.
 
Mittlerweile hatte ich jegliches Gefühl, außer verdammt Lange, für die Zeit verloren. Ich wusste nur, dass Stunden vergangen sein mussten, in denen ich weder getrunken noch gegessen hatte, aber nicht wie lange ich noch brauchen würde, obwohl ich schon mehrmals den Lautsprecher aus dem Zielgelände vernommen hatte.
 
Meine Erwartungen wurden aber immer wieder enttäuscht, da der Trail in einer Weiteren, der unzähligen Schleifen, auf denselben Hügel ging, auf den ich ohnehin schon etliche Male zuvor war.
 
Ich traf auf einen Streckenposten den ich noch nicht kannte und fragte wie lange es noch zum Ziel sei. „Drei Kilometer“ war seine Antwort. Ich dachte in Sprinterzeit, also höchstens zehn Minuten.
Nach rund vierzig Minuten war ich dann tatsächlich dort. Leider zu Fuß, da ich kurz nach dem Streckenposten, so unglücklich gestürzt war, dass die Pulka kippte und sich ein Teil des Gestänges aus der Halterung löste. Die Hunde waren somit nur noch an einem, vielleicht einen Zentimeter großen Zapfen, des zweiten Gestänges, mit mir verbunden.
Die Hunde mit dem Gestänge zu verlieren war ein Alptraum, daher zum Abschluss noch eine kleine Wanderung.
 
Im Ziel wollte ich nur noch zurück zum Wohnwagen. Ich ließ mein Material im Ziel liegen, Regine Schinzel half mir die Hunde im Auto zu verstauen und ich brauste los.
 
Da es in der Früh so warm und sonnig war, dachte ich mir etwas an Gas zu sparen und drehte die Zufuhr ab. Das war mittlerweile vor sechs Stunden. Die Sonne hatte sich schon längst verzogen, der Wohnwagen natürlich eiskalt.
 
Ich versorgte die Hunde und dann wurde es ernst. Als ich mich auszog, merkte ich erst wie durchnässt alle meine Kleidungsstücke waren. Aus den Schuhen rannte der geschmolzene Schnee.
Mich überkam ein Schüttelfrost bei dem sich mein ganzer Körper verkrampfte.
Mit langen Unterhosen, Pullover und Anorak saß ich vor dem voll aufgedrehten Ofen und versuchte etwas Nahrhaftes in mich hineinzubringen.
Meine Thermohose lag noch im Auto. Zum Glück kam Romana vorbei die ich bat mir diese zu holen. Nach einigen Tassen heißen Tees und mehreren Rationen Magnesiums kehrten die Lebensgeister langsam wieder zurück. Die Krämpfe plagten mich zwar noch mehrere Stunden, womit ich aber nicht alleine war, denn laufend stand jemand mit schmerz verzerrtem Gesicht plötzlich vom Tisch auf.
 
Gegen Abend begann es zu regnen. Der restliche Schnee am Stake Out wurde weggespült und es verwandelte sich in eine riesige Schlammlacke.
Die ganze Nacht über regnete es weiter. Am Morgen trafen wir Pulkafahrer uns zu einem Gespräch, in dem wir beschlossen nicht mehr an den Start zu gehen. Per Handschlag besiegelten wir unser Abkommen. Lutz und ich gingen zu Rennleiter um ihn, unsere Entscheidung mitzuteilen.
 
Olivier sah an unseren Gesichtern worum es ging und sagte uns gleich, dass das Rennen abgebrochen wird, er die offizielle Stellungnahme aber den Mushern selbst ans Stake Out bringen möchte.
 
Tja, so kam ich mit viel Glück, aber ich glaube, nicht unverdient doch noch zu einer Medaille.



Der Tag endete mit der Medaillevergabe und dem Musherabend. Begonnen hatte er für mich aber schon um vier Uhr in der Früh. Ein, seit langen nicht so vehement verspürtes Hungergefühl weckte mich und zog mich magisch zum Kühlschrank. Da darin nicht wirklich was Verwertbares gelagert war, mussten die restlichen Mannerschnitten daran glauben. Da ich so zeitig nicht den Gasherd anwerfen wollte, um mir einen Kaffe zu machen, musste das Mineralwasser zur schnelleren Beförderung in den Magen aushelfen. Wenn ich heute daran denke kommt mir immer noch das Grausen.
 
Zwei Stunden später erfolgte dann das richtige, ausgiebige Frühstück. Nach der Verkündigung der Absage luden mich Romana und Sepp zum Frühstück ein, welches ich natürlich nicht ausschlug.
Gemeinsam gingen wir dann auch mittags zum Essen. Eine Große Pizza als Hauptgang, danach Kaffee und Kuchen zum Ausklang.
Die Siegerehrung, mittlerweile bei Minusgraden und Schneefall machte natürlich erst so richtig hungrig. Zum Glück hatte ich neben dem Museressen auch noch einen Bon für den Doghandler.
Es blieb nichts über.
 
Mein, und das aller anderen Teilnehmern Mitgefühl, gehörte aber den Veranstaltern. Sie waren in allen Belangen so bemüht und mussten sich dann doch den Wetterkapriolen geschlagen geben.
Es bedurfte schon einiger Runden Schnaps um bei ihnen eine festliche Stimmung aufkommen zu lassen und in den darauf folgenden (Runden) wurden viele neue Freundschaften geschlossen.
 
Wenn ich am Anfang auch das Gefühl hatte hier am Arsch der Welt zu sein so weiß ich, dass ich hierher sicherlich wieder zurückkehren möchte, denn die Gastfreundschaft, die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die uns hier entgegengebracht wurde, ließ mir den Abschied schwer fallen, denn diese Menschen haben mich, mit ihrer Begeisterung und Liebenswürdigkeit, mitten im Herzen berührt.
 
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