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  Zum Schamanen
 
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Diesmal möchte ich nicht von einer Reise durch irgendeine abgelegene Gegend, in einem abenteuerlichen Land berichten, denn für viele Menschen ist dies nur schwer nachzuvollziehen, sondern von einer Reise zu mir selbst.
Dieses Reiseziel kann ich jedem nur empfehlen.
 
In letzter Zeit, besonders seit ich mich auf das Abenteuer Wüste vorbereite, muss ich immer öfter Menschen erklären warum ich diese Reise unternehmen möchte.
Es ist schwierig und wenn man nicht verstehen will oder kann, dass es Menschen gibt die einfach so etwas mal machen wollen, dann hilft auch keine wie immer artikulierte Erklärung.
 
Viele sagen, es ist verrückt und sinnlos 240 Kilometer durch die Wüste zu laufen, aber was in der Welt ergibt schon Sinn.
Im Buch der Rekorde findet man eine Auflistung wahnwitziger Bestleistungen mit fragwürdigem Sinnesgehalt.
 
Für die, die es wirklich genau wissen wollen habe ich eine Erklärung gefunden.
 
Es ist vollkommen egal ob jemand alle 8000er besteigt, den Ozean mit einem Ruderboot überquer, so wie ich durch die Wüste läuft, oder sich bloß am Duft einer erblühten Rose erfreut,
nichts davon hat wirklich Sinn –sonder für jeden Menschen eine andere Bedeutung.
 
Nun aber zu meiner Geschichte, die zeigen soll, dass jeder der sich etwas vornimmt und fest daran glaubt, dies auch erreichen kann.
 
Es war zirka vor einem Jahr als ich nach schwerer Krankheit und einer tiefen Depression an einem Scheideweg stand. Entweder sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen oder sich dem ewigen Siechtum ergeben.
 
Ich entschied, meinem schütteren Haupt den Vorzug zu geben und mich auf ein Spiel mit dem Feuer einzulassen.
Schon immer wollte ich über glühende Kohlen gehen, denn wenn ich das Feuer besiegen könnte wie lächerlich wären dann Probleme durch eine Depression.
 
Zuerst machte ich mich auf die Suche, dann auf die Reise, dem Schamanen entgegen.
Wen ich auch fragte, niemand aus meinem Bekanntenkreis hat sich auf heiße Kohlen unter den Füßen eingelassen. So ging meine Fantasie mit mir durch.
Ein Schamane was ist das genau. Der Duden verspricht schon was Abenteuerliches.
Medizinmann, Zauberpriester und Geisterbeschwörer.
Worauf hab ich mich da nur eingelassen.
 
Die Fahrt ging nicht weit, in der Nähe des Semmering war ein Zauberpriester, Herr über das Feuer. Am Weg dorthin malte ich mir schon aus, mit all den anderen, gekleidet in einem weißen Leinentuch, im Kreis um den Geisterbeschwörer zu sitzen, mystische Formeln zu murmeln um auf die Erleuchtung zu warten.
 
Ich folgte der Wegbeschreibung, auf Straßen die nur selten von Autos befahren werden, die sich immer höher den Berg hinaufwanden, zu einem noch kaum erkennbaren Feldweg verengte um dann plötzlich vor einem riesigen brennenden Scheiterhaufen zu enden.
 
Die Hitze die dieser ausstrahlte, ließ die Luft im weiten Umkreis erflimmern, so dass die Umgebung total verschwamm. Es hatte vielleicht gerade mal ein oder zwei Grad, leichter Schneefall und ein eisiger Wind ließen mich wieder, in den von der Standheizung auf 25 Grad gehaltenen Wagen flüchten.
 
All meine Erwartungen waren über den Haufen geworfen. Wo ist der Sanftäugige und gutmütig lächelnde Schamane, der mich dem Universum näher bringen soll? Wo die anderen Jünger die mit mir den Seelentrip beschreiten wollten? Die, die hier anwesenden, waren dick eingehüllt in wärmende Mäntel und Anoraks, bestiefelt und ausgerüstet mit Thermoskannen.
DAS SOLL ES SEIN?
 
Einzig der mächtige Scheiterhaufen ließ die vage Vermutung aufkommen, mich am richtigen Ort zu befinden. Also raus aus dem wohltemperierten Auto und unter die Menschen mischen. Ich fand auch sogleich jemanden der mir zeigen konnte wer der Schamane war. Er stand mit dem Rücken zu mir und schlürfte gerade heißen Tee als er sich zufällig umdrehte. Aha, so sehen Schamanen Ende des zweiten Jahrtausend also aus.
 
Sein etwas verwaschener, abgetragen wirkender Anorak und die darunter zum Vorschein kommende Trainingshose mit den drei bezeichnenden dicken Streifen, waren der erste Blickfang. Aber als ich in seine Augen schauen wollte, verwehrte mir eine, sicherlich schon in die Jahre gekommene und an einer Stelle mit Leukoplast geklebte Hornbrille Marke „Krankenkasse“ mit den dicksten Gläsern die ich je gesehen habe, den Durchblick.
Mit Sicherheit haben diese Brillen nicht viel mehr als einen Sonnenstrahl benötigt, um dieses Feuer zu entfachen.
 
 
Ich näherte mich und sprach ihn mit den Worten,
„ Du bist also derjenige der mich über die Kohlen gehen lässt ohne, dass meine Fußsohlen bis zum Fersensporn gut durch sind?“
 
Er unterbrach sein heiteres Gespräch und sein doch sehr sympathisches Lächeln verfinsterte sich und er musterte mich mal von oben bis unten, bis er erwiderte.
 
„Na, na, da verwechselst was!“
 
Hab ich mir doch gleich gedacht, das kann nicht der Schamane sein. Doch seine weiteren Worte ließen keinen weiteren Zweifel aufkommen, wer da wer ist.
 
„Nicht ich lass dich da drüber gehen. Du gehst selbst und wenn ich mir nicht sicher bin, dass du dir sicher bist, dann lass ich dich nicht gehen und wenn ich mir sicher sein sollte, dass du dir sicher bist und ich mich in dir getäuscht habe, dann hast du Füße mit denen du in den nächsten Tagen nirgendst hingehen wirst. Eines sag ich dir noch. Es gibt von mir keine Garantie!“
 
Mit diesen Worten lies er mich stehen und wandte sich wieder seinen ursprünglichen Gesprächspartner zu.
 
Da stand ich nun, und seine Worte begannen zu wirken. Langsam wurde mir bewusst, dass ich heute wohl kein weißes Laken anziehen werde, mich niemand in einen Trance ähnlichen Zustand lullt und mich wahrscheinlich keine himmlische Erleuchtung zu einem anderen Menschen werden lässt.
 
Aber ich will!!! Ich will, wenn diese fünf Meter hoch züngelnde Feuersbrunst einmal ein Kohlenteppich ist, darüber gehen.
 
Ich sprach ihn also nochmals an. Er nahm es mir zum Glück wieder nicht übel, dass ich ihm in seinem Gespräch unterbrach, legte seine Hand auf meine Schulter, beugte sich ein wenig zu mir herab und mit einem breiten Grinsen eröffnete er mir, dass für alle die es wirklich wollen, in fünf Minuten die Einstimmung beginnt.
 
Also doch. Ich wusste es doch, dass es irgendeinen Hokuspokus geben wird.
Der zum Himmel lodernde Scheiterhaufen schrumpfte langsam zu einem glühenden Haufen, der eine Höllenhitze verbreitete.
Nur in angemessener Distanz konnte man seine Wärme wirklich genießen. Unter großem Gezische und Geknacke verließ die letzte Feuchtigkeit die in den Stämmen gespeichert war das Holz, um sich explosionsartig, in Dampf aufzulösen.
 
Dem schaurigem Spiel zusehend, wie die züngelnden Flammen nach den Schneeflocken leckten, merkte ich, wie mich langsam und fast unmerklich, diese Atmosphäre in ihren Bann zog.     
Ich begann zu ahnen warum die Urvölker das Feuer so verehrten und welche Macht von ihm ausging.
 
 
Plötzlich versetzten dumpfe Trommelschläge die Luft in Schwingung und durch den Schimmer der Feuersbrunst erkenne ich langhaarige, wie aus längst vergangen Tagen gekleidete Menschen, die ihre, um einen Holzrahmen gespannten Felle mit Rhythmischen Schlägen zum klingen brachten.
 
Der Schamane baute sich vor uns auf, er sprach zu allen, keine Selektion von Feuergehern oder Zusehern und es war auch nicht zu erkennen wer welcher Gruppe angehört.
Er wiederholte nochmals keine Garantie zu übernehmen „Jeder ist seines Glückes Schmied“ rief er in die Runde.
Ich hoffte nur, dass der Vergleich mit dem „Schmieden“, angesichts der glühenden Kohle und der Haut meiner empfindlichen Fußsohlen, nicht wirklich eintreten sollte.
Dann verriet er uns den Trick:
 
„Es gibt drei Möglichkeiten um unbeschadet über den Kohlenteppich zu gehen.“
 
Dachte es mir doch gleich, dass es einen Trick gibt aber wenn ich schon mal hier bin, dann möchte ich ihn auch ausprobieren. Doch seine nächsten Worte ließen mich daran zweifeln, dass dieser, so genannten Trick, auch ein solcher sein sollten.
 
„Erstens, du siehst mir einfach in die Augen und gehst los. Zweitens, du stellst dir vor, dass kalter Schnee oder feuchtes Moos sich unter deinen Füssen befindet, oder drittens du denkst an etwas, was du unbedingt erreichen möchtest, die sogenannte Wunschmanifestierung!“
 
Mittlerweile begann ein Helfer mit einem langen Rechen den Haufen zu zerteilen und auf eine Länge von zirka zehn Metern auszubreiten.
Ich bin mir sicher, dass die Glut nun innerhalb kürzester Zeit von rund tausend Grad auf achthundert abkühlen wird. Zwar immer noch genug um sich zu verbrennen, aber vielleicht nicht mehr so schlimm.
 
„Nun möchte ich, rief der Schamane das Geprassel des Feuers übertönend, dass alle, die sich sicher sind diese Übung zu bestreiten, einen Schritt vortreten. Ich werde zu jedem einzelnen gehen und ihm sagen ob ich es erlaube oder nicht!“ 
 
So viel sei vorweggenommen, er erlaubte es jedem.
 
Nun war ich in Erwartung mit welchem Zauber er mich von meinen schlechten Geistern, die meine Angstgefühle und Selbstzweifel beherrschen, befreien würde.
 
Ich war der erste dem er sich zuwandte. Mein Körper war bis zum äußersten gespannt. Ich wollte auf keinen Fall den Trick versäumen.
Er legte seinen Arm auf meine Schulter, sah mich durch seine getönten, hoch dioptrierten Brillen an. Durch diese Gläser wirkten seinen Augen unheimlich groß, aber sie strahlten Güte und Zuversicht aus und nahmen mich sofort in ihren Bann. Ganz ruhig und bestimmend sagte er zu mir.
 
„Du schaffst es!“
 
Ich konnte es nicht glauben, nur weil er sagt ich schaff es, ein Mensch den ich nur wenige wirkliche Augenblicke kannte, sagt so bestimmende und vielleicht schwer wiegende Worte zu mir.
 
Ich weiß, dass ich es schaffe, ich hab es mir vorgenommen, ich bin ja nicht umsonst hundert Kilometer gefahren. Aber jetzt soll es so einfach sein? Er verkündet und ich gehorche?
Oder ist die Bezeichnung Schamane nicht nur ein neu Modischer Manager-Seminar Begriff?
Ist er wirklich ein Zauberheiler?
Genügt wirklich nur ein Blick von ihm in meine Augen um mein Inneres zu erkennen?
 
Meine Verwirrung war nur von kurzer Dauer, denn schon mussten wir uns von den Dingen befreien die dieses Abenteuer noch verhindern konnten. Wie selbstverständlich ziehe ich meine Schuhe und Socken aus und gehe barfuss über die, vom Schnee durchtränkte Wiese.
 
Ich glaube es einfach nicht. Zu Hause wandle ich nur in dicken Wollsocken umher weil ich immer kalte Füße habe und ich nichts mehr hasse als an den Zehen Kälte zu empfinden. Aber plötzlich und nur um das verrückteste auf der Welt zu machen, empfinde ich es als Teil von dessen was auf mich zukommt.
 
Ich bin mir noch nicht sicher wie ich anlegen werde. Soll ich mir wirklich vorstellen es ist Schnee worüber ich gehe?
Die ersten gehen bereits und am anderen Ende des Kohlenteppichs geben sie ihrer Freude Ausdruck.
 
Ich merke wie ich mich im Rhythmus der Trommeln zu bewegen beginne, wie die Schläge ein Teil von mir werden.
 
Bin ich verzaubert oder nicht klar bei Verstand. Ich kneife mich in den Arm und es schmerzt, ich stell mir eine Rechenaufgabe. Wie viel ist die Quadratwurzel aus 34.756? So sehr ich mich auch anstrenge ich komm nicht drauf. Es ist aber auch nicht sehr verwunderlich, denn diese Rechnung beherrsche ich im normalen Leben auch nicht. 
Alles ist also ganz normal.  Ich kann auch klare Gedanken fassen die nichts mit diesem Ort und meinem Vorhaben zu tun haben.
 
Plötzlich lichtet sich die Menge vor mir und ich bin als nächster dran. Ich stell mir einfach nicht mehr die Frage soll ich, oder ob das gut geht. Ich bin mir hundertprozentig sicher „Ich schaff es!“
 
Und dann liegt er vor mir. Gute zehn Meter trennen mich vom Schamanen, zwischen uns nur noch die glühende und rauchende Herausforderung. Ich gehe nochmals in mich und spreche zu meinem Körper. Ich möchte dich nicht verletzten, ich möchte dir nur zeigen, dass Geist und Körper keine Feinde in mir sein dürfen. Wir müssen zusammen halten, dann schaffen wir auch das und alles was noch auf uns zukommen wird.
 
Ich suche die Augen des Schamanen und klinke mich bei ihnen ein. Keine Sekunde unterbreche ich diesen Kontakt und mit dem Rhythmus der Trommeln, der wie ich nun merke meinem Herzschlag sehr ähnlich sind, beginne ich auf der stelle zu gehen.
Mein Kopf gibt mir das OK. Wir sind so weit, du musst nur noch ein Bein vors andere setzten und dann gehen wir, und dieses „wir“ macht mich wirklich stark.
 
Ich merke wie in diesem Augenblick alle Schmerzen und Enttäuschungen, durch die ich in den letzten Monaten gehen musste ein für allemal bereinigt sind.
Ich setzte ihn, den ersten Schritt und es folgt der zweite und so weiter. Ich höre das Knirschen der Holzkohle unter meinen Beinen, mein Blick ist fixiert auf die Augen des Zauberers die mir sagen „Komm, geh weiter, du schaffst es“. Eine angenehme Wärme durchflutet meinen Körper und ich bin froh nicht an kalten Schnee zu denken.
Plötzlich merke ich, dass die klänge der Trommeln mich nicht mehrerreichen, alles ringsherum ist stumm und friedlich. Die Menschen lachen, aber kein Ton dringt an meine Ohren. Langsam nähere ich mich dem Ende, bis ich die Augen des Schamanen wieder in der gleichen Größe, wie bei unserer ersten Begegnung vor mir sehe und ich in seinen Augen lesen kann „Ich hab dir ja gesagt du schaffst es!“
 
Dann bricht alles wieder auf mich ein und ich nehme die Umwelt wieder wahr. Ich blicke zurück und hinter mir liegen, vielleicht zehn Meter glühend heißer Kohle, aber in Wirklichkeit ein viel zu langer Weg zu mir, meiner Inneren Stärke und dem Bewusstsein, dass Körper und Geist eine Einheit bilden sollten, ‑ im Gleichgewicht mit der Seele.
 
Ich habe viel zu lange versucht die beiden gegeneinander auszuspielen und mein Körper hat es mir auf seine Art und Weise zu verstehen gegeben, zum Glück habe ich diese Zeichen erkannt, und es war so einfach wieder zu mir zu finden und ich kann nur jedem empfehlen, suchst du den Weg zu dir, dann geh durchs Feuer. Das Beste nämlich an dieser Übung ist, man weiß sofort ob man sie richtig gemacht hat oder nicht.
 
 
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